Schöne Vorsätze, kontraproduktive Wirkung?
– Medienmitteilung –
Basel-Stadt debattiert über die Kulturpolitik der nächsten Jahre: Der Regierungsrat formulierte hierzu einen Entwurf für ein neues Leitbild für 2026 bis 2031. Doch aus der Freien Szene ertönt Kritik: Visarte Region Basel, der Berufsverband der visuellen Künste, zweifelt daran, dass das Papier tatsächlich den darin selbst gesetzten Zielen dienen wird.
Mit dem Kulturleitbild 2026 bis 2031 will der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt seine kulturpolitischen Wirkungsziele definieren. Bis Ende Jahr lief die Vernehmlassungsphase. Nun gilt zu prüfen, ob mit den angedachten Massnahmen die Zielsetzungen aus Sicht der Kunst erreicht werden können, oder ob sie eine kontraproduktive Wirkung zeigen werden.
Die Trennung zwischen Hoch- und Alternativkultur ist veraltet
Im Entwurf des Leitbilds sind Ziele formuliert, welche die Strahlkraft Basels als Entstehungsort zeitgenössischer Kultur schützen und zukunftsgerichtet gestalten sollen. Dabei hält die Regierung jedoch an veralteten Strukturen fest und versucht weiterhin Hoch- und Alternativkultur zu trennen. Die Visarte Region Basel, als Berufsverband der visuellen Künste, ist überzeugt, dass die einzige Trennung zwischen den beiden Bereichen die strukturelle Benachteiligung in der Förderung ist.
Der Berufsverband kritisiert, dass das zeitgenössische Schaffen als verzichtbare Alternative definiert und deren strukturelle Benachteiligung gar zementiert wird. Das entworfene Kulturleitbild beschreibt die vielfältigen Kulturformen in der Freien Szene – anders als in früheren Dokumenten der Abteilung Kultur – bloss als «wenig etabliertes Kulturschaffen». Dies verkennt ihre jeweils eigenständige, professionelle kulturelle Haltung und Identität: oft überaus experimentell, basisdemokratisch, kollektiv, partizipativ und selbstbestimmt, sowie ihre zentrale Funktion für eine zukunftsgerichtete Weiterentwicklung von Kunst und Kultur im Ganzen.
Fair-Funding und Fair-Pay statt bloss ein Trinkgeld
Die neue Kulturpauschale, die aus der Trinkgeldinitiative (TGI) entstanden ist, steht seit Ende 2024 als Fördergefäss zur Verfügung. Damit wurde ein Anfang gemacht, aber es gibt Mängel. Erstens ist es nur ein «Trinkgeld», das da verteilt wird, und zweitens muss die tiefe Fördersumme für noch mehr Kulturprojekte reichen, als anfänglich dargelegt.
Visarte Region Basel fordert Fair-Funding und Fair-Pay für jegliche Formen hervorragender Kultur – unabhängig von der Grösse der Antragstellenden, ihrer Sparte- oder Genre-Zugehörigkeit. Fair-Funding würde heissen, dass für zeitgenössische Kulturformen mehr Anteil des Kulturbudgets zur Verfügung gestellt wird.
Die Visarte Region Basel befürwortet die Stossrichtung des Kantons, faire Bezahlung in der Kultur einzufordern. Damit dies jedoch nicht bloss in grösseren Institutionen ermöglicht wird, ist eine Erhöhung der Förderung für freie Kunstprojekte und Offspaces erforderlich. Ansonsten droht faktisch eine drastische Kürzung der kulturellen Vielfalt im Kanton.
Das Kulturleitbild würde damit eine Entwicklung verstärken, die es eigentlich zu bekämpfen vorgibt: Die Arbeits- und Lebensbedingungen eines gewichtigen Teils der Kunstschaffenden würden noch stärker prekarisiert als sie dies schon sind. Dazu würden noch mehr bereits marginalisierte Personengruppen aus der Kulturlandschaft verdrängt – sowohl unter den Produzierenden, den Vermittelnden als auch bei den Rezipierenden.
Mediale Vermittlungsgefässe und neue Finanzquellen
Als weiteres Problemfeld erkennt Visarte die Tatsache, dass es dem Entwurf des neuen Kulturleitbilds, wie auch der aktuellen Förderpraxis, an griffigen Qualitätskriterien für zeitgenössische Kunst fehlt. Ein gemeinsames, nachhaltiges Qualitätsverständnis kann jedoch nur über eine öffentliche, mediale Debatte entwickelt werden. So erst kann die Kultur von allen breit besprochen und eine Diskussion über Qualität angestossen werden.
In Anbetracht der gezielten Ausrichtung des Kantons ist es von noch grösserer Dringlichkeit, zusätzliche Finanzquellen für Kunst und Kultur zu erschliessen. Denn ohne zusätzliche Finanzierung können die oben aufgezeigten Widersprüche nicht aufgelöst werden. Beispiele für innovative Ansätze könnten eine Art «Kulturtaxe», die Tourist:innen für Basels Kulturorte zahlen, und ein verbindliches «Bauprozent für Kunst und Kultur» an und um öffentliche Bauten sein.
Die Visarte Region Basel als Berufsverband der visuellen Künste ist besorgt über die Ausrichtung des Entwurfs der Regierung und befürchtet eine kontraproduktive Wirkung, die der Entwicklung der Kulturstadt Basel schaden wird. Der Verband stellt sich zur Verfügung, im Dialog mit der Abteilung Kultur und anderen kulturpolitischen Kreisen konkrete Lösungen zu erarbeiten, die kulturelle, sozial differenzierte und nachhaltige Effekte erzielen können. Die Visarte wird sich weiterhin mit Nachdruck für die Interessen der visuellen Künstler:innen, freien Kurator:innen und Architekt:innen sowie für zeitgemässe Förderstrukturen einsetzen.
Die ganze Stellungnahme der Visarte Region Basel an den Kanton:
Link zur Stellungnahme (pdf)