Ausstellung – Vom Verschwinden von Eva Borner
Rubrik: Ausstellungen
Anmeldeschluss: 25. September 2026
Eva Borner – www.evaborner.ch
Vom Verschwinden
Art Space Juraplatz Biel
Kuratorin Marcia Martin
4.–25. September 2026
Vernissage am 4. September 2026, 19 Uhr
mit Markus Fischer (Kontrabass), René Reimann (E-Gitarre), Hans Peter Gutjahr (Sounddesign)
Juraplatz-Kunst-Halte-Stelle
Wer am Juraplatz Halt macht, trifft an diesem Ort des Weilens und Wartens auf Kunst, die
riecht, riegelt und rauscht. Von aussen einsehbar, bietet der Innenraum den Werken der
Künstlerin Eva Borner Bühne und Schallkörper.
Ein flächiges Gebilde aus aufgeschichteten griechischen Olivenölseifenblöcken zieht unsere
Aufmerksamkeit auf sich, nicht nur wegen der Konstruktion mit Zwischenraum
hindurchzuschauen und der nuancenreichen Farbigkeit der scharfkantigen Quader, sondern
auch und insbesondere wegen des kommunikativen Gepräges dieser mitteilsamen Wand.
Unter einer eingestanzten Nummer lassen sich Worte in verschiedenen Sprachen entziffern. In
zwei Zeilen werden kurz und prägnant Rechte und Freiheiten benannt – die Inschriften zitieren
aus den 30 Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Diese am 10. Dezember
1948 von der UN-Generalversammlung in Paris als Resolution 217 verabschiedete International
Bill of Human Rights deklariert im Artikel 1 den für die menschliche Existenz fundamentalen
Grundsatz: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» Eva Borner
sieht dieses Bekenntnis zum unumstösslichen Freiheitsanspruch in vielfacher Hinsicht
gefährdet. Sie beobachtet im Weltgeschehen, wie diese Schutzmauer für jedes Individuum und
für das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften in
den Grundfesten erschüttert ist, sodass sie lückenhaft wird und – nunmehr instabil –
einzustürzen droht.
Die von der Künstlerin zum ‘Lückentext’ gereihten Textblöcke führen ausserdem vor Augen,
wie lückenhaft jedes Regelwerk angesichts der Komplexität menschlicher Existenz bleiben
muss und wieviel Interpretationsspielraum – im Guten wie im Schlechten – zwischen den Zeilen
von Paragraphen, ethischen Leitsätzen, Credos und Geboten besteht. Missbräuchlicher
Umgang stellt die Freiheit und Rechte Aller in Frage und hintertreibt die festgeschriebene
schützende Gleichberechtigung, so wie die Installation labil ausfranst und die Seifentexte unter
manipulativem Einfluss mit Wasser dem Verschwinden und Vergessen anheimfallen.
Dem Thema Gefährdung und Verschwinden widmen sich in der Ausstellung auch die
Fotografien aus der Serie «Floating», die während Eva Borners Flüchtlings-Einsatzes an der
Küste von Samos entstanden und der existentiellen Not von Migrantinnen und Migranten
beklemmenden Ausdruck verleihen: Die abgelichteten im Wasser treibenden Kleidungsstücke
lassen uns an den Verlust von Heimat und schlimmstenfalls des Lebens denken.
Das Geräusch der ans Ufer schlagenden und rollenden Wellen vermeint man aus einem alten
Bakelit-Radio zu hören, dessen vormaliger Lautsprecher nun als Bullauge erscheint und den
Video-Blick frei gibt auf grenzenloses Fortfliessen. Bei aufmerksamem Lauschen lassen sich die
Wassergeräusche indes nicht aus dem verstummten Radioapparat vernehmen, sondern aus
dem alten Holztisch. Mit Erdsonden, Unterwassermikrofonen und Mikrofonen hat die Künstlerin
zusammen mit Sounddesigner Hans Peter Gutjahr Aufnahmen von Bächen, Flüssen und Seen
gemacht und zur Gewässer-Komposition verdichtet. Dieses akustische Wellenspiel substituiert
die ursprünglichen Radiowellen, die einst das Weltgeschehen in der privaten Stube wortreich
hör- und erfahrbar werden liessen. Eva Borners «Wellenträger» vermag Analoges mit der Kraft
des Bildes und vermittels des Zusammenspiels ihrer tiefgründigen Exponate der Ausstellung
«Vom Verschwinden».
Dr. Gabrielle Obrist